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Die Beratung von Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern

Eine der längsten und größten Migrationsbewegungen in die Bundesrepublik ist die Aufnahme von (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedlern. Auch wenn die Aufnahmezahlen mittlerweile zurückgegangen sind, sind sie weiterhin eine wichtige Zielgruppe der MBE. Als Angehörige deutscher Minderheiten haben sie zwar einen direkten Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft, stehen nach ihrer Ankunft aber vor ähnlichen Herausforderungen wie andere Zugewanderte.

Eine der größten Migrationsbewegungen in die Bundesrepublik

Die Aufnahme von Aussiedlerinnen beziehungsweise Spätaussiedlern, wie die Bezeichnung seit 1993 offiziell lautet, begann bereits im Jahr 1950. Insgesamt kamen zwischen 1950 und 2022 über 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler in die Bundesrepublik.[1] Dabei waren und sind die Aufgenommenen keineswegs eine homogene Gruppe. Denn als (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler wurden und werden Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, Erfahrungen und Hintergründen aufgenommen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie als Angehörige deutscher Minderheiten nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Staaten insbesondere im östlichen und südöstlichen Europa gelebt und nach dem Bundesvertriebenengesetz (BVFG) einen Anspruch auf Aufnahme in der Bundesrepublik hatten beziehungsweise bis heute noch haben.[2]

Im Laufe der Jahre schwankten die Aufnahmezahlen deutlich. Sie hingen zu Zeiten des Kalten Krieges von den wechselnden Möglichkeiten der Ausreise und, erst recht seit den 1990er Jahren, von den Aufnahmevoraussetzungen der Bundesrepublik ab. Die Mehrheit der 4,5 Millionen Aufgenommenen hatte in der Sowjetunion beziehungsweise ihren Nachfolgestaaten gelebt (53 %), von wo die meisten zwischen 1989 und 2002 in die Bundesrepublik ausreisten. Fast ein Drittel der aufgenommenen Aussiedlerinnen und Aussiedler (31,6 %) kam – insbesondere in den 1950er Jahren sowie zwischen 1988 und 1991 – aus Polen. Rumänien, die frühere Tschechoslowakei und das ehemalige Jugoslawien waren bis in die 1990er Jahre ebenfalls wichtige Herkunftsländer. Seit 2006 ist die Zahl der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler deutlich zurückgegangen. Nunmehr nimmt Deutschland jährlich einige tausend Menschen auf – fast alle aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. In den letzten Jahren waren die Russische Föderation, Kasachstan und die Ukraine die wichtigsten Herkunftsländer.[3] Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat dabei auch Folgen für Angehörige der deutschen Minderheiten in Russland und der Ukraine, die noch nicht nach Deutschland ausgereist sind. Im Falle der Russischen Föderation müssen Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler für das notwendige Visumverfahren seither mit mehrmonatigen Wartezeiten rechnen.[4] Außerdem wurde bei Angehörigen der deutschen Minderheiten, die kriegsbedingt aus der Ukraine oder der Russischen Föderation fliehen mussten und die vorgeschriebenen Verfahrenswege kriegsbedingt nicht einhalten konnten, eine gesetzliche Klarstellung notwendig, damit sie ihren Aufnahmeanspruch nicht verlieren.[5]

Eine Besonderheit gegenüber anderen Gruppen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten nach Deutschland zugewandert sind, ist, dass (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler als Angehörige deutscher Minderheiten Aufnahme finden und dadurch unmittelbaren Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft haben. Im Alltag stehen sie aber gleichwohl vor ganz ähnlichen Fragen und Herausforderungen wie andere Zugewanderte und haben daher Bedarf an einer gezielten, an ihrer Lebenssituation orientierten Beratung.

Die Migrationsberatung für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler

Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler werden zunächst im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen (Niedersachsen), das seit 1950 der zentrale Aufnahmeort für diese Gruppe ist, registriert und von dort nach wenigen Tagen auf die Bundesländer verteilt. Ihre Beratung und Unterstützung durch die Wohlfahrtsverbände und den Bund der Vertriebenen (BdV) reicht dabei lange zurück. Wohlfahrtsverbände, Vertriebenenverbände und weitere Organisationen hatten sich der in der Bundesrepublik eintreffenden Aussiedlerinnen und Aussiedler schon seit den 1950er Jahren angenommen und ihnen bereits im Grenzdurchgangslager Friedland erste Unterstützung angeboten. Im Jahr 1988 hatte die Bundesregierung mit der Aussiedlersozialberatung dann eine eigene Beratungsstruktur für diese Gruppe eingeführt, deren Träger unter anderem der Bund der Vertriebenen und die in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) zusammengeschlossenen Wohlfahrtsverbände waren. Mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes wurde dieses Beratungsangebot 2005 mit der bis dahin außerdem bestehenden Ausländersozialberatung zusammengeführt, wodurch die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte in ihrer heutigen Form entstanden ist. Im Grenzdurchgangslager Friedland bieten Caritas und Diakonie bereits eine erste MBE-Beratung für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sowie andere aufgenommene Gruppen an. Wenn die Aufgenommenen dann in ihren neuen Wohnorten eingetroffen sind, wenden sie sich für weitere Fragen in vielen Fällen an die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte.

Ähnlich wie bei Ratsuchenden anderer Herkunft sind der Lebensunterhalt, der Zugang zum Arbeitsmarkt sowie Bildung und Ausbildung auch für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler wichtige Beratungsthemen. Hierzu gehört auch die Frage der Anerkennung bereits erworbener Berufs- und Hochschulabschlüsse. Der Umgang mit behördlichen Anforderungen ist ebenfalls ein wichtiges Themen der Beratung. Über die Arbeit ihrer MBE-Stellen berichtet Svetlana Martin aus der Zentralstelle des BdV: „Der Beratungsbedarf der Spätaussiedler ist vielfältig. Dieser reicht vom Aufnahmeverfahren als Spätaussiedler, über den Spracherwerb und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse bis zu Fragen in Bezug auf das Fremdrentengesetz. Die BdV-Beratungsstellen gelten dabei als besonders fachkundig, da die meisten Berater selbst einen Vertriebenenhintergrund haben und sich mit den kulturellen sowie historischen Besonderheiten dieser Personengruppe auskennen.“

Seit die Aussiedlersozialberatung und die Ausländersozialberatung 2005 zur MBE zusammengelegt worden sind, bieten alle Trägerverbände eine Beratung für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler an. Nach Einschätzung der BdV-Geschäftsstelle sind die MBE-Beratungsstellen des Verbandes für viele Ratsuchende aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion aber weiterhin eine wichtige Anlaufstelle, nachdem sie am neuen Wohnort eingetroffen sind. Aus Sicht von Svetlana Martin hängt das auch mit den angebotenen Beratungssprachen zusammen. „Wir achten bei der Auswahl der MBE-Beraterinnen und Berater verstärkt darauf, Beratung auf Russisch und Ukrainisch anbieten zu können. Das kommt neben den Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern auch anderen Gruppen von Ratsuchenden zugute, etwa den Schutzsuchenden aus der Ukraine.“ Ebenso arbeiten auch bei den anderen Trägerverbänden viele Beratende, die Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler – ebenso wie Schutzsuchende aus der Ukraine – im Rahmen der MBE auf Russisch oder Ukrainisch beraten können.

Zum Weiterlesen

Bundeszentrale für politische Bildung, Online-Dossier Russlanddeutsche, 2017/18.

Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015

Jannis Panagiotidis, The Unchosen Ones: Diaspora, Nation, and Migration in Israel and Germany. Bloomington, Indiana 2019

Edwin Warkentin, Zuwanderung ab 1945. Russlanddeutsche: Die unsichtbare Gruppe, in: Carmen Teixeira (Hg.), Geschichte der Zuwanderung in Nordrhein-Westfalen. Flucht, Vertreibung, Arbeitsmigration, Bonn, 2022, S. 126-135

Fußnoten

[1] Siehe für die Zahlen Bundesverwaltungsamt, Spätaussiedler und ihre Angehörigen. Registrierungen/Verteilungen nach Herkunftsstaaten. Zeitreihe 1950 – 2022, 28. Februar 2023.

[2] Für den breiteren Kontext siehe das Online-Dossier Russlanddeutsche bei der Bundeszentrale für politische Bildung und Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015. Für die Aufnahme der Gruppe siehe einführend Jannis Panagiotidis, Dossier Migration. Aussiedler, in: bpb.de vom 14. Mai 2018

[3] Für die Zahlen siehe Bundesverwaltungsamt, Spätaussiedler und ihre Angehörigen. Registrierungen/Verteilungen nach Herkunftsstaaten. Zeitreihe 1950 – 2022, 28. Februar 2023.

[4] Vgl. dafür Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten,Informationen zum Thema Beantragung und Erteilung von Visa zum Zweck der Spätaussiedlung für russische Staatsangehörige mit Wohnsitz in der Russischen Föderation, Pressemitteilung vom 29. August 2024

[5] Siehe Kriegsbedingte Wohnsitzfortgeltungsverordnung — KrWoFGV vom 9. August 2024, in: BGBl. I, Nr. 261 vom 15. August 2024, S. 1f.

Fotonachweis

Grenzdurchgangslager Friedland, Aufnahme von 2008, © privat



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