Beratung und Netzwerkarbeit an sechs Orten. Die MBE des Bundesverbandes spanischer sozialer und kultureller Vereine
Die MBE-Stellen sind bundesweit vielfältig aufgestellt und passen ihre Beratungsarbeit an die Bedarfe vor Ort an. Der Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine berät als Selbstorganisation seit 2019 Zugewanderte in Remscheid und im Rheinisch-Bergischen Kreis – und das in mittlerweile sechs verschiedenen Beratungsorten.
Die Entstehung einer MBE-Beratungsstelle
Die MBE-Beratungsarbeit des Bundesverbandes spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V. hat seine Vorläufer in der Beratung von spanischsprachigen Zugewanderten. Die Zuwanderung von Menschen aus Spanien nach Deutschland hat wiederum eine lange Tradition.[1] Beide Staaten hatten 1960 ein Anwerbeabkommen unterzeichnet, mit dem Arbeitskräfte in die Bundesrepublik kommen sollten. Einer der Schwerpunkte der Arbeitsmigration aus Spanien war dabei das nordrhein-westfälische Remscheid. Zeitweise lebten mehr als 8.000 Menschen aus Spanien in der Stadt. Es war daher kein Zufall, dass die Geschäftsstelle des 1977 gegründeten Bundesverbandes spanischer sozialer und kultureller Vereine an diesem Ort ihren Hauptsitz fand. Der Bundesverband, der seit 1981 Mitglied im Paritätischen ist und die Dachorganisation für 59 Vereine bildet, setzt sich für die Wahrung der Rechte von Migrant*innen aus Spanien ein und bietet vielfältige Angebote im Bereich Sprache, Kultur, Bildung sowie regelmäßig Veranstaltungen für Frauen, Senior*innen und Jugendliche an.
Ab 2012 wanderten als Folge der Wirtschaftskrise viele junge Menschen auf der Arbeitssuche aus Italien, Spanien und Portugal nach Deutschland.[2] Neben Staatsbürger*innen dieser Länder waren hierunter auch Menschen, die lange dort gelebt hatten, dann aber weitergewandert waren. Für diesen Personenkreis erkannte der Bundesverband spanischer Vereine einen wachsenden Beratungsbedarf, erklärt dessen Geschäftsführer und MBE-Berater José Ramón Álvarez Orzáez. In der Folge baute der Bundesverband für diese Gruppe der Zugewanderten ein Beratungsangebot auf. „Dadurch, dass wir schon seit längerem Anlaufstelle für Spanier*innen beziehungsweise spanischsprachige Menschen waren, hat sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda herumgesprochen, dass wir beraten.“
Zunächst war ein Projektantrag bei der Aktion Mensch erfolgreich, mit dem der Verband von 2014 bis 2017 Informationsveranstaltungen für diese Gruppe von Zugewanderten anbieten konnte. Nachdem das Projekt ausgelaufen war, setzte der Verband die Beratung in einer Übergangszeit ehrenamtlich fort. Außerdem war der Verband mit einer Seniorentagesstätte und einem Jugendprojekt in der Beratung und Unterstützung von Zugewanderten tätig. Über den Paritätischen Gesamtverband konnte der Bundesverband schließlich die Einrichtung einer MBE-Stelle beantragen.
Eine MBE mit zahlreichen Beratungsorten
Begonnen hat der Spanische Bundesverband die MBE-Beratung im März 2019 in den eigenen Räumlichkeiten in Remscheid. „Von Beginn an wurde mit dem Paritätischen und dem BAMF abgesprochen, dass wir, wenn wir die MBE einrichten, in Remscheid und im gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis beraten,“ erläutert José Ramón Álvarez Orzáez. Hierfür hat der Bundesverband neben seinem Büro in Remscheid mehrere Einrichtungen im benachbarten Rheinisch-Bergischen Kreis gefunden, in denen die MBE an festen Tagen vor Ort ist. Die strukturellen Bedingungen unterscheiden sich dabei deutlich. In Remscheid und Bergisch Gladbach, der Kreisstadt des Rheinisch-Bergischen Kreises, leben jeweils rund 110.000 Menschen. Der Rheinisch-Bergische Kreis wird ansonsten durch sieben kleinere Kommunen geprägt.
Bereits Ende des Jahres 2019 richtete der Spanische Bundesverband im Burscheider Büdchen in Burscheid im Rheinisch-Bergischen Kreis eine Außenstelle ein. In diesem ehemaligen Kiosk ist unter der Trägerschaft der Katholischen Jugendagentur eine Anlaufstelle entstanden, in der zahlreiche Institutionen – Kommune, Jobcenter und Freie Träger – Beratungen anbieten. Die weiteren mobilen MBE-Beratungsstellen entstanden nach und nach. Vermittelt über den Paritätischen konnte der Verband Ende 2020 im Sozialpsychiatrisches Zentrum in Wermelskirchen (Träger: alpha e.V.) eine mobile MBE-Beratung etablieren. In Bergisch Gladbach bietet der Verein Die Kette e.V., der Angebote für Menschen mit Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkungen bereitstellt, seit Januar 2021 Platz für die MBE des Spanischen Bundesverbandes. Auch in Overath ist die im Januar 2021 entstandene mobile Beratungsstelle des Spanischen Bundesverbandes in Räumlichkeiten von Die Kette e.V. untergebracht. In deren Beratungshaus Untereschbach sind unter anderem auch noch Diakonie und Caritas Kooperationspartner. In Odenthal kam die Kommune auf den Spanischen Bundesverband zu, so dass dieser seit dem 1. Mai 2021 im dortigen kommunalen Haus der Begegnung ebenfalls eine mobile MBE-Beratung anbieten kann.

Einer der Beratungsräume des Bundesverbandes spanischer Vereine.
Weil im Laufe der Zeit immer mehr Menschen die Migrationsberatung aufsuchten, konnte der Spanische Bundesverband zum 1. Januar 2023 eine zweite Beratungsstelle in Vollzeit schaffen, die Thalita Santana Frazão übernommen hat. Suchten – auch bedingt durch vorangegangene Projekte – in Remscheid insbesondere spanischsprachige Menschen die MBE-Beratung auf, wurde die Gruppe der Ratsuchenden mit den mobilen Beratungsstellen vielfältiger. Etwa 60 Prozent der Ratsuchenden sind aus Staaten der EU zugewandert und entweder EU-Bürger*innen oder Drittstaatsangehörige, die einen Daueraufenthalt zum Beispiel in Spanien haben. Viele weitere Ratsuchende haben eine Fluchtgeschichte und kommen unter anderem aus Syrien, Afghanistan, dem Iran oder dem Libanon. Die Beratungsthemen von Zugewanderten aus der EU und Menschen mit Flüchtlingserfahrung seien aber, so José Ramón Álvarez Orzáez, mit Ausnahme von aufenthaltsrechtlichen Fragen ähnlich. Häufig gehe es um Spracherwerb, die Anerkennung von Abschlüssen, Arbeitsrecht oder um Fragen rund um die Familienkasse. Eine Besonderheit beim Bundesverband sei, dass Spanier*innen oft Fragen zur Rente hätten. Diese Beratung werde aber über die spanische Botschaft finanziert und erfolge damit außerhalb der MBE.
Vielfältige Netzwerkarbeit der MBE
Aus Sicht der MBE-Stelle hat die Vielfalt an Beratungsorten klare Vorteile für die Netzwerkarbeit: „Das Gute ist, dass wir verschiedene mobile Beratungsstellen haben,“ sagt Berater José Ramón Álvarez Orzáez. „In Burscheid arbeiten wir mit den verschiedenen Netzwerkpartnern, in Odenthal mit der Stadt direkt und in den anderen Kommunen mit Der Kette und alpha e.V. sowie den Case Manager*innen des Kommunalen Integrationszentrums. Das funktioniert überall super. Wir lernen sehr viele Organisationen in sehr verschiedenen Bereichen kennen und davon können auch die Ratsuchenden profitieren. Die anderen wissen, wer wir sind, und wir wissen, wer sie sind und was sie machen. Und dann können jeweils aufeinander verweisen – je nach Lage.“ Zu den weiteren Netzwerkpartnern gehören unter anderem die MBE-Beratungsstellen der Caritas in Remscheid, Bergisch Gladbach und Wermelskirchen und der Arbeiterwohlfahrt ebenfalls in Remscheid sowie die jeweiligen Jugendmigrationsdienste.
José Ramón Álvarez Orzáez berichtet, dass die Zusammenarbeit mit Kommunen des Rheinisch-Bergischen Kreises ebenfalls gut funktioniere. Es habe zwar etwas länger gedauert, bis sich das Netzwerk etabliert habe. Aber nun seien die Kontakte zu den kommunalen Akteuren etabliert und das Beratungsangebot bekannt. „Mittlerweile kennen wir die einzelnen Ansprechpartner*innen in den Kommunen im Rheinisch-Bergischen Kreis, mit denen wir uns regelmäßig zusammensetzen,“ erläutert José Álvarez. „Gerade bei den kleineren Kommunen seien die Wege auch kurz. „Odenthal ist eine kleine Kommune. Wir sitzen praktisch neben dem Sozialamt und den Case Management-Berater*innen des Kommunalen Integrationszentrums. Das ist dann natürlich einfacher.“ Die MBE ist auch an den Planungen im Rahmen des Kommunalen Integrationsmanagements (KIM) beteiligt, mit das Land Nordrhein-Westfalen in den Kommunen die Koordination von allen Integrationsfragen sowie die Analyse von Einzelfällen fördert. Auch mit dem Kommunalen Integrationszentrum in Bergisch Gladbach, das diese Aufgaben auf Kreisebene bündelt, ist die Zusammenarbeit eng. So nehmen José Ramón Álvarez Orzáez und seine Kollegin Thalita Santana Frazão regelmäßig an Netzwerktreffen und Teamsitzungen der Kommunalen Integrationsmanager*innen der Kommunen im Kreis teil.

MBE-Berater José Ramón Álvarez Orzáez im Gespräch.
Mitunter benötigt der Aufbau eines solchen Netzwerks aber auch einfach Zeit. So hat es in Remscheid, auch wenn hier der erste MBE-Beratungsort entstanden war, etwas länger gedauert, bis die Kontakte etabliert waren. „In Remscheid haben wir mittlerweile auch ein Netzwerk mit den Beratungsstellen und dem Kommunalen Integrationszentrum. Aber das ist noch im Aufbau. Inzwischen läuft auch die Kooperation mit dem Jobcenter besser,“ berichtet José Ramón Álvarez Orzáez.
„Als kleiner Träger insgesamt sechs Beratungsstellen aufzubauen, war eine große organisatorische Herausforderung – aber jede einzelne hat sich gelohnt. Unsere Ratsuchenden streben eine schnelle Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt an. Sie bringen Erfahrungen, Perspektiven und Potenziale mit, die eine Bereicherung für die Interkulturalität und unser Wirtschafts- und Sozialsystem sind. Wir freuen uns, sie dabei begleiten und unterstützen zu können und sind stolz über jeden erfolgreichen Beratungsfall, der ein Beispiel für gelungene Integration darstellt und zeigt, welchen hohen Stellenwert die MBE und ergänzende Integrationsangebote in unserem Land haben sollten. Als ich vergangene Woche einen unserer Klienten in seiner Mittagspause besuchen durfte – jemanden, der inzwischen seinen in der Heimat erlernten Beruf als Ingenieur bei der Kreisverwaltung ausübt – und dabei daran zurückdachte, wie ich ihn vor knapp drei Jahren zum ersten Mal in einer eher notdürftig eingerichteten Flüchtlingsunterkunft kennengelernt hatte, wurde mir erneut bewusst, dass unsere Arbeit zwar Zeit und Geduld erfordert, beides jedoch am Ende belohnt wird,“ sagt José Ramón Álvarez Orzáez abschließend.
Die Beratungsstelle
Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V. in Remscheid und mit mobilen Standorten in den Städten Burscheid, Wermelskirchen, Bergisch Gladbach und Overath sowie in der Gemeinde Odenthal (alle im Rheinisch-Bergischen Kreis)
Fußnoten
[1] Für den größeren Kontext siehe z.B. Christian Pfeffer-Hoffmann (Hg.), Arbeitsmigration nach Deutschland. Analysen zur Neuen Arbeitsmigration aus Spanien vor dem Hintergrund der Migrationsprozesse seit 1960, Berlin 2014.
[2] Vgl. etwa Spanier suchen eine Zukunft in Remscheid, in: Rheinische Post vom 27. Dezember 2012.
Fotonachweis
Die Verwendung der Fotos erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Bundesverbandes spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V., für alle: © Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e.V.